KVN 2000

Programm:

07. Mai – 25. Juni 2000
New Topics! Neue Positionen ungarischer Kunst der 1990er Jahre
Ehemaliger HL-Supermarkt am Schlossplatz, 73765 Neuhausen/Fildern

In Zusammenarbeit mit dem ungarischen Kulturinstitut Stuttgart, gefördert vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Baden-Württemberg und der Kommune Neuhausen a.d.F.

9. April – 30. April 2000
p.t.t. red
Stefan Micheel, HS Winkler
„Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“
frei nach Jules Verne

Atelier II
Ingrid Hartlieb (Haigerloch) und Sammlung Sabine Schwenk (Schloss Haigerloch)
Samstag, 21. Oktober 2000 (Exkursion)
Anmeldung: VHS Neuhausen T. (07158) 69 673

1. Oktober – 5. November 2000
Jürgen Palmtag
Eigenbau mit Sound track >> PohlschröderSeries<<
Schloss Neuhausen, Schlossplatz 1, 73765 Neuhausen/Fildern

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NEW TOPICS!
Neue Positionen ungarischer Kunst der 1990er Jahre

Künstler:innen
Balazs Beöthy, Szabolcs Kisspal, Kriszta Nagy, Hajnal Nemeth, Pal Szacsva, Gyula Varnai , András Ravasz

Sieben Künstlerinnen und Künstler aus Budapest hatte der Kunstverein Neuhausen (bei Stuttgart) eingeladen, um in einem leerstehenden Supermarkt ihre künstlerischen Positionen vorzustellen.

Beöthy Balázs, Kisspál Szabolcs, Kriszta Nagy, Hajnal Németh, András Ravasz, Pál Szacsva und Gyula Várnai eigneten sich innerhalb weniger Tage den über fünfhundert quadratmetergrossen Konsumraum an, indem sie ihn mit Video- und Diaprojektionen, Objekt-Sound-Installationen, mit einer Lichtinszenierung, Fotoarbeiten und einem „Billboard“ neu strukturierten.
Obwohl einige Arbeiten am Ausstellungsort entstanden sind, wurde von der Ausstellungsleitung bewusst auf eine site-specifity verzichtet. Das bedeutet, dass einmal abgesehen von der Einbeziehung einzelner architektonischer Situationen oder der Wahl eines bestimmten Platzes, der Ausstellungsort selbst nicht durch die Arbeiten kommentiert, illustriert oder persifliert wurde. So konnte der Ausstellungsort seinen offenen, unprätentiösen Off-Space Charakter behalten – und somit die Fragestellungen der ungarischen Künstler sowie ihre Zugehörigkeit zu einer bestimmten (Kunst)-Szene um das legendäre C3 (Soros Art Center) in Budapest als lebendiges Implantat erfahrbar gemacht werden.

Die ausgewählten Künstlerinnen und Künstler gehören jener (Kunst) Szene an, die nach der politischen Wende Ungarns 1989/90 ihre künstlerischen Fragestellungen unter dem Eindruck der sich rasch entwickelnden Konsum-und Informationsgesellschaft sowie der digitalen Bilderzeugung herausbildeten. Dabei handelt es sich um eine Gruppe von Künstlerinnen und Künstler, die im Umfeld von C3, dem Soros Center für Kultur und Kommunikation und der Studio Galerie in Budapest arbeiten und deren künstlerische Formulierungen sich an ähnlichen ästhetischen Schemata und Wahrnehmungsangeboten orientieren. Die meisten von ihnen befassen sich mit der Erzeugung, mit dem Umgang und mit der Wahrnehmung von Bildern und Informationen, und sind folglich eher im zwei- als im dreidimensionalen Bereich tätig. Die Bezugsquellen für die künstlerische Praxis sind u.a. in der Werbung, in der Musik- und Diso-Club-Kultur oder in der Kunstgeschichte und Naturwissenschaft zu suchen. Es handelt sich dabei generell um Informationsmaterial, das selbst schon medial aufbereitet und vermittelt ist. Charakteristisch für die künstlerische Haltung ist ein freier, mitunter gar spielerischer Umgang mit Bildern, Medien, Sounds und Zeichen, sowie mit unterschiedlichen künstlerischen Strategien, die je nach Bedarf gewechselt werden.

Die Motive der Bilder sind dabei nicht unwichtig, manchmal sind sie für die Selbstdarstellung und Eigen-Promotion sogar bedeutend, wesentlicher ist jedoch die Art und Weise, wie mit Bildern und Informationen umgegangen wird, wie sie durch Mix und Remix, durch Deutung und künstlerische Praxis erweitert, angepasst und verwandelt werden. Die in einigen Arbeiten enthaltene ironische Distanzierung und kritische Hinterfragung der medialen Bilderflut ist ebenso wesentlicher Bestandteil dieser künstlerischen Praxis, wie die mitunter unprätentiös und provisorisch wirkende Anordnung der Bilder und Gegenstände im Ausstellungsraum. Diese heterogen Struktur durchzieht nicht nur die ganze Ausstellung, sondern ist auch bestimmend für die Werke der einzelnen Künstlerinnen und Künstler. Andras Ravasz zum Beispiel unterlegt ein Symbol der japanischen Techno-Kultur der neunziger Jahre, (ein monumentales pneumatischen Baby- Objekt mit Vinylmund ) mit dem Musiktitel „Le patron est devenu fou“ einer französischen Popband. … Auf die Erlebnis- und Wahrnehmungskultur der Clubszene spielen auch die Video-Clips von Balázs Beöthy an, die mit der Wellness verheissenden Sprache der Werbung arbeiten und mit softig-cooler Chillout-Musik unterlegt sind. Für die Ausstellung im Supermarkt hat Balázs Beöthy jedoch zwei Video-Tapes ohne soundtrack vorbereitet, deren Bildrhythmus und Bildgliederung jedoch eine nahezu percussionsartige Wirkung besitzen.
……

Szacsva y Pal und Szabolcs Kisspal reflektieren in ihren Arbeiten die Entstehungs- und Wahrnehmungsbedingungen der durch Medien vermittelten Bilder. Auf die zunehmende Bilderflut reagierte Szacsva y Pal schon 1997 mit einem Anti-Media Manifesto und einer Methode der Bild-Projektion, in der sich Bildinformationen palimpsestartig überlagern und damit auslöschen – oder nur noch als dekonstruierte Bildgefüge in Erscheinung treten. Die Aufsplitterung eines Bildkontinuums zeigt Szacsva y Pal im Untergeschoss des Supermarktes. Dort schuf er eine Situation aus Fundstücken und Abfallmaterial, die von der Projektion einer Barockarchitektur überlagert werden. Die mit den Projektionen verbundene Methode der Dislocation, Ent-Kontextualisierung und Mehrfachcodierung soll ebenfalls auf eine verbreitete Strategie in der Medien- und Informationsgesellschaft aufmerksam machen. Dass es sich bei den meisten Medien um Apparaturen und Anordnungen handelt, die in unsere sinnliche Wahrnehmung eingreifen, sie verändern und neu strukturieren wird anhand von Szabolcs Kisspals Video-Installation be-greifbar gemacht. Die Video-Kamera, die hinter dem Strassenfenster, dem traditionellen Beobachtungs- und Informationsort platziert wurde, wird hier zunächst als reines Beobachtungsmedium eingesetzt. Das Objektiv der Kamera ist dabei auf die Strassenachse zum Schloss und auf die wehende blau-weisse Kunstfahne von Kisspal Szabolcs hin ausgerichtet. Das im Monitor realzeitlich wiedergegebene Bild zeigt jedoch kein reales Abbild, sondern ein farbverkehrtes Negativ-Bild der Aussensituation mit Fahne. Die Umkehrung der Farbgebung offenbart die verborgene schwarz-rot-goldene Farbskala der Fahne, die erst durch die Inversion des von der Kamera aufgenommenen Bildes sichtbar gemacht wird. Die Video-Installation von Szabolcs Kisspal stellt zwei Wahrnehmungssysteme einander gegenüber: das des erkennenden Organismus und das des Mediensystems – und macht dabei die Diskrepanz zwischen unmittelbar sinnlicher und mediengenerierter Wahrnehmung der Wirklichkeit sowie deren Relativität deutlich. (Textauszug © Susanne Jakob)

Abb: 1: © Szabolcs Kisspal, „„Rever (DE)“, 2000 „Installation Kunstverein Neuhausen“
Rever usually consists of an outdoor object, and an indoor video-projection. The object is a strangely coloured banner placed outdoor. A videocamera is pointed through the window glass upon the object, in a large frame composition that shows the flag together with a part of the environment details of the building, cars, trees, people. The live video signal is projected onto the gallery wall or screened on a monitor. The camera is set up to invert the colours of the picture, so we see a live but negative world, with an image of the national flag in the middle. The installation is part of a series in which colour inverted national flags are installed all over the world. 9 projects have allready been completed.
Abb.2-4: © Andras Ravasz, 3. Bericht Esslinger Zeitung 4. © Szacsva y Pal


p.t.t. red
Stefan Micheel, HS Winkler
„Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“

Das Berliner Künstlerduo mit dem ungewöhnlichen Namen p.t.t. red (paint the town red), Stefan Micheel (geb. 1955) und Hs. Winkler (geb. 1955), ist seit den achziger Jahren bekannt für Aktionen, die innerhalb und ausserhalb des Kunstbetriebs, teils offiziell, teils im Verborgenen, stattfinden und meistens temporären/vergänglichen Charakter besitzen. So führten die beiden Künstler 1989 eine Expedition zur Zugspitze durch, wo sie den Gipfel abtrugen, nach Berlin brachten und in ihrem Atelier mittels eines Betonmischers verkleinerten („der berg und die machine“). Im Berchtesgadener Nationalpark verkleideten sie sich 1993 als Braunbären (die seit 1910 als ausgerottet gelten!) und lösten damit ein Medienspektakel voller Missverständnisse aus.
Eine subversive Aktion führten die beiden Künstler während ihres Aufenthaltes als Stipendiaten des P.S. 1 Studio Programms in New York durch. In der Nacht des 25.6. 1996 manipulierten sie in einer gewagten Aktion die Beleuchtung der Freiheitsstatue, die daraufhin für einige Stunden in gleissendem Rot erstrahlte.

Im Kunstverein Neuhausen präsentiert p.t.t. red Dokumente einer bisher nicht gezeigten Aktion, einer „reise zum mittelpunkt der erde“. Das Projekt führte p.t.t. red zu den Schauplätzen des gleichnamigen Romans von Jules Verne. Die erste Expedition wurde im April 1991 zum Stromboli gestartet.. Vor Ort wurde ein ca. 40 cm grosses Bleilot über dem Strombolikrater in Stellung gebracht. Es drang in den Krater ein und begann seine imaginäre Reise zum Mittelpunkt der Erde. Drei Jahre später am 8. Juli 1994 setzte p.t.t. red die Projektreise in Island, im Eisvulkan Snäfellsjökull fort. Vergraben im Gletscher und bestückt mit einer Auswahl von Baum-und Pflanzensamen aus der Umgebung des Stromboli, treibt das Bleilot im Gletscher zum Mittelpunkt der Erde vor.

Die Ausstellung „die reise zum mittelpunkt der erde“ wird am Freitag, 7. April 2000, 19.00 Uhr eröffnet.
Im Anschluss an die Vernissage findet um 20.00 Uhr von p.t.t. red ein Vortrag zu ausgewählten Projekten statt.

Ausstellungsdauer: 9. April – 30. April 2000


  1. Oktober – 5. November 2000
    Jürgen Palmtag
    Eigenbau mit Sound track >> PohlschröderSeries<<


Auf drei Ausstellungsebenen zeigt der Kunstverein Neuhausen vom 1. Oktober
bis 5. November 2000 Jürgen Palmtags zeichnerische, plastische ,
„lautmalerische“ und musikalische Annäherung an das Thema „Eigenbau“.
Jürgen Palmtag (Jg. 1951), der in den siebziger Jahren Malerei , Grafik und
Architektur an der Hochschule der Bildenden Künste Berlin studierte, vereint in
seinem Werk unterschiedliche künstlerische Gattungen: neben Malerei,
Zeichnung, Graphik (Radierung) und architekturbezogenen Objekten findet er
seit vielen Jahren auch in der experimentellen Musik ein zusätzliches
Ausdrucksmedium. So werden in der Ausstellung des Kunstvereins die
Exponate durch Klangmaterial ergänzt, das ebenfalls nach dem Prinzip
„Eigenbau“ entwickelt wurde.