Künstlerische Narrationen im Zeitalter von Social Media
Der Kunstverein Neuhausen ist vom 7. Februar bis 14. März 2026 zu Gast im Kunstbezirk – Galerie im Gustav-Siegle-Haus in Stuttgart mit der Ausstellung «NARRATIVE MOMENTS».
Eröffnung: Freitag, 6. Februar 2026, 19 Uhr
Begrüßung: Tobias Ruppert, 1. Vorsitzender, Förderkreis Bildender Künstler Württemberg
Einführende Worte: Herbert Stattler, Berlin und Susanne Jakob M.A., Künstlerische Leitung des KV Neuhausen
Ort: Kunstbezirk, Galerie im Gustav-Siegle-Haus, Leonhardsplatz 28, 70182 Stuttgart-Mitte, Öffnungszeiten während der Ausstellungen: Dienstag bis Samstag 15 – 19 Uhr
Künstlerische Beiträge:
Min Bark, Susanne Hofmann, Claude Horstmann, Monika Nuber mit Vera Burlak und Kastus Zybul, Silke Panknin, Eva-Maria Reiner, Eva Schmeckenbecher, Herbert Stattler, verstoffwechselt (Beutinger & Staiger)
Fotos: Finissage am 14. März 2026 mit Künstlergesprächen © Jan Hendrik Pelz




Zehn Künstlerinnen und Künstler des KV Neuhausen lassen die nahezu in Vergessenheit geratene Technik des „Storytellings“ wieder aufleben oder setzen sich mit den flüchtigen Narrativen auseinander, die insbesondere in den sozialen Medien zirkulieren. Einige von ihnen visualisieren linguistische und poetologische Phänomene, experimentieren mit Sprache und Zeichen und kondensieren urbane Notationen und Spuren zu komplexen Text-Bildern.
Die Vielfalt, Dichte und Geschwindigkeit, mit der digitale Informationen zirkulieren, «überdauern häufig den Augenblick ihrer Kenntnisnahme nicht», wie der Philosoph und Medientheoretiker Byung-Chul Han in seinem Essay „Krise der Narration” bereits bemerkte. Demgegenüber steht das künstlerische Erzählen, Kolportieren und Erinnern mit seiner anderen Zeitlichkeit, seinen tiefgehenden Recherchen und seiner kritischen Reflexion.
„NARRATIVE MOMENTS» vereint biografische, historische, gesellschaftspolitische und urbane sowie lineare und nicht-lineare Erzählungen. Die Ausstellung zeigt, wie diese Narrationen in die künstlerische Praxis einfließen oder durch verschiedene Repräsentationsformen neu verhandelt werden.
Die Ausstellung findet auf Einladung des Kunstbezirks im Rahmen der ORTSTERMINE zum 30-jährigen Bestehen des Kunstvereins Neuhausen 1995-2025 statt.
Raumplan „NARRATIVE MOMENTS“ im Kunstbezirk Stuttgart

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1. HERBERT STATTLER
Lebt und arbeitet in Berlin und Wien/A.
www. herbertstattler.com
#art #research #drawing #storytelling #architecture
„SPITZENWAREN“, 10 Zeichnungen aus der Serie (gesamt 38 Zeichnungen)
Bleistiftzeichnung, Bleistift auf Papier, (H x B): 100 x 70 cm
In dem Werkkomplex «Spitzenwaren» konstruiert der in Berlin lebende Künstler und Architekt Herbert Stattler in 38 Zeichnungen (von denen eine Auswahl gezeigt wird) eine Geschichte, die weitere Narrationen einschließt. «Spitzenwaren» dokumentiert und erzählt die Firmengeschichte eines Stuttgarter Unternehmens, das im zwanzigsten Jahrhundert Spitzen herstellte und vertrieb. Auf dessen analogem Archiv basieren Stattlers Zeichnungen, die ein Kaleidoskop von Zeitsplittern bieten, das Textil-, Technik-, Kultur- und Konsumgeschichte zugleich sichtbar macht. Da in Stattlers Zeichnungszyklus auch die Geschichte der Handarbeit verhandelt wird, werden nicht nur deren Techniken, sondern auch die Produktions-bedingungen weiblicher Heimarbeit im 20. Jahrhundert thematisiert.


Politische Narrative, historische und biografische Erzählungen sowie «individuelle Mythologien» werden in den Arbeiten von Min Bark, Susanne Hofmann, Monika Nuber, Silke Panknin, Eva Schmeckenbecher und „verstoffwechselt“ beleuchtet. In diesen werden eigene oder fremde Biografien und medial geprägte Erfahrungswelten mit kulturellen, sozialen und politischen Narrativen verwoben.
2. SUSANNE HOFMANN
Lebt und arbeitet in Stuttgart
https://susannehofmann-kunst.de/
#art #context #research #sociology #postcolonial
„Ungeheuer normal“, 2025/2026
Wandinstallation, 311 x 150 cm, 9 Tafeln/Collagen (Fotografie auf Holz, Text/Lack) je 23 x 30 x 1 cm, Aktenordner/Recherche, Klebebuchstaben, Wandfarbe
Mit politischen Narrativen befasst sich die in Stuttgart lebende Künstlerin Susanne Hofmann, die dem Phänomen des „Normalen“ nachgeht. In der Text-Bild-Serie „Ungeheuer normal“ untersucht sie tagesaktuelle Meldungen in den Medien und sozialen Netzwerken und kombiniert diese mit den Porträts der dafür verantwortlichen Autor:innen. „Was gestern noch arg verstörend war, wird durch stete Wiederholung irgendwann als normal empfunden“, beschreibt die Philosophin Petra Bahr den allmählichen Prozess der Normalisierung. Bei diesem gefährlichen Gewöhnungsprozess spielen vor allem die Medien eine zentrale Rolle.
„An neun Beispielen aus den Bereichen Kultur, Klima, Migration, Geschlechterrollen, Geschichte und Verteidigung wird eine Reihe Trigger-Begriffe vorgeführt: Lakonische Aussagen und sprachliche Entgleisungen wie „Klima-Blabla“ oder „Genderwahnsinn“ werden an die jeweiligen Autor*innen zurück adressiert. Fotos und Texte laden sich gegenseitig auf. Die ausgewählten Chiffren stehen exemplarisch für den Raum der politischen Verwahrlosung, der Verzerrung von Fakten, dem Einzug des Irrationalen und der Lügen in den politischen Landschaften und damit einhergehend der zunehmenden Untergrabung der Demokratie.“ (S.H.)
Abbildungen: Susanne Hofmann, Ungeheuer normal (Detail), 2025/2026 / Silke Panknin, Rechercheprojekt „Kulturfrauen -ongoing («Borders», Silver-Gelatine Prints s/w) Fotos © Tobias Ruppert © Susanne Jakob






Einige der ausgestellten Arbeiten folgen biografischen Spuren, arbeiten mit Erinnerungskulturen und untersuchen auch urbane Räume, gesellschaftliche Strukturen sowie (gender-)spezifische Gemeinschaften – sowohl freiwillig gewählte als auch erzwungene.
3. SILKE PANKNIN
Lebt und arbeitet in Horb/Schwarzwald und in Berlin
https://www.silkepanknin.com/
#art #research #spaces #nature #climate #sociology
Kulturfrauen | Serie, 2025; 70 x 90 cm, Halberahmen, Alu 8 matt weiß, 3 + 2 AP
Der künstlerische Schwerpunkt von Silke Panknin liegt auf der Beschäftigung mit spezifischen Orten, insbesondere mit Naturräumen, deren Prägung durch kulturelle, historische oder geologische Prozesse sie zu erfassen versucht. Dabei ist ihr künstlerisches Medium die analoge Fotografie, oft in Verbindung mit temporären „bildhauerischen” Eingriffen. Ein Beispiel hierfür ist das Rechercheprojekt „Kulturfrauen”, die auch als „Trümmerfrauen des Waldes” bezeichnet wurden.
Ausgangspunkt von Panknins Recherche waren die riesigen Kahlschläge in deutschen Wäldern, die während und nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Kriegswirtschaft der Nationalsozialisten sowie durch Reparationszahlungen an die Alliierten verursacht wurden. In den späten vierziger und Anfang der fünfziger Jahre waren hunderte Frauen mit der Anzucht, dem Ausbringen und der Pflege von Jungkulturen beschäftigt. Ihre Aufgabe bestand darin, die Kahlflächen in den Wäldern mit leicht vermehrbaren Fichten- und Kiefernsämlingen wieder aufzuforsten.
Neben ihrer Recherchearbeit in Archiven und Interviews mit noch lebenden Zeitzeuginnen entstand eine Serie von Schwarz-Weiß-Fotografien, die mit weißer Kalkfarbe markierte Baumstämme auf ehemaligen Arealen der Rekultivierung zeigen. Silke Panknin spannt damit einen Erzählstrang, der von den kahlgeschlagenen Waldflächen über die Ausbeutung und die frühe Care-Arbeit der Kulturfrauen bis hin zum vom Menschen verursachten Klimawandel reicht, der die Baumkulturen heutzutage ebenfalls massiv bedroht.
Fotos: © Silke Panknin, © Susanne Jakob



4. MIN BARK
Lebt und arbeitet in Stuttgart und am Bodensee
https://www.admin.min-bark.com/
#sculpturei #performance #recherche #storytelling
„Delivery“, 2025, Holz und Stoff, 140 X 140 X 140 cm
„K81-1736“, 2015, Öl auf Leinwand, 240 X 240 cm
Min Bark (*1979, Andong) ist eine deutsche Künstlerin mit südkoreanischen Wurzeln. In den 1980-er Jahren gehörte sie zu den rund 200.000 Kindern, die von der südkoreanischen Regierung auf der Grundlage gefälschter Dokumente zur Adoption ins Ausland freigegeben wurden. In diesem Zuge wurden ihr Name „Bark“ sowie ein geschätztes Geburtsjahr willkürlich festgelegt.
Min Bark wuchs in Stuttgart bei Pflegeeltern auf und studierte an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart in der Klasse von Christian Jankowski.
Neben der performativen Praxis spielen Malerei und Bildhauerei für sie eine ebenso wichtige Rolle. In ihren skulpturalen Arbeiten, wie der großformatigen Installation „Delivery“, übersetzt die Künstlerin ihre Suche nach der eigenen Identität in neue skulpturale und malerische Formen. In „Delivery“ wurden 100 Holzbalken zu einem Würfel verspannt, der den „Sockel“ für hundert kleine, handgenähte Stofffiguren bildet. Die skulpturale Arbeit wird von einer monumentalen Malerei flankiert, die ein Kinderporträt zeigt, das vermutlich die Künstlerin selbst vor ihrer Adoption darstellt.
„Beide Arbeiten kreisen um ein zentrales Motiv: den biografischen Bruch und die Erfahrung des Verlusts. Min Bark bezeichnet dies als den ‚Verlust der frühen Kindheit‘ – ein persönliches Trauma, das sie in ihren Skulpturen visuell und materiell verhandelt.“ … „Sie macht die biografische Leerstelle zur künstlerischen Ressource, die Körperlichkeit zur politischen Sprache und Erinnerung zur räumlichen Erfahrung. Ihre Kunst fordert keine einfachen Antworten, sondern schafft Momente tiefer Reflexion über das, was uns ausmacht – und was uns fehlt.“ (J.H. Pelz)
Min Bark, Delivery, 2025 © J.H. Pelz / Eva Schmeckenbecher, Galgenhof Nürnberg, 2025



5. EVA SCHMECKENBECHER
Lebt und arbeitet in Stuttgart
https://www.eva-schmeckenbecher.com/
#Fotografie #Recherche #Installation #Video
Geister und Werkzeuge – ein Rechercheprojekt 2025
Galgenhof / Nürnberg, 2025, Videos und Druckstöcke
Für ihr Rechercheprojekt „Geister und Werkzeuge“ besuchte Eva Schmeckenbecher ehemalige Hinrichtungsstätten von Opfern der Hexenverfolgung in ganz Europa, unter anderem in Nürnberg, Trondheim, Vardø, Lüneburg und Rottweil. Von den jeweiligen Orten wurden Fotoabzüge angefertigt, die anschließend skulptural bearbeitet und als Druckstöcke genutzt wurden. Durch den Rückgriff auf die traditionelle Drucktechnik des Holzschnitts wird eine Verbindung zum Buchdruck der frühen Neuzeit und somit zum ersten Massenmedium hergestellt. Dieser hat beispielsweise durch die Verbreitung des von dem Dominikanermönch Heinrich Kramer verfassten „Hexenhammer” maßgeblich zum Hexenwahn im ausgehenden Mittelalter beigetragen. In der Ausstellung werden Erfahrungen mit struktureller Gewalt und Ausgrenzung sowie die Macht der Medien reflektiert, die heutzutage mehr denn je sichtbar sind.


6. MONIKA NUBER
Lebt und arbeitet in Stuttgart und München
http://monikanuber.de
#art #drawing #animation #video #sound
„Stranded in Stuttgart“ (Vertonter Trickfilm)
Ein Film von Monika Nuber mit Vera Burlak und Kastuś Žybul
Comiczeichnungen. Kastuś Žhybul, Dichtung: Vera Burlak
„Stranded in Stuttgart“ erzählt die Migrationsgeschichte der belarussischen Philosophin und Dichterin Vera Burlak und ihres Sohnes Kastuś Žybul, der mit Autismus lebt. Die Erzählstruktur des Videos wird ergänzt von fantastischen Comiczeichnungen von Kastuś und humorvollen und rätselhaften Geschichten von Vera Burlak.
Monika Nuber lebt und arbeitet als Animationsfilmerin und Musikerin in Stuttgart. Ihre Trickfilme und Videos erweitert sie um Gesang, Rhythmus und Klang in allen erdenklichen Verschränkungen von Bild und Ton. Sie studierte zunächst Literatur und Philosophie in Tübingen, dann bildende Kunst in Stuttgart und Prag, unter anderem bei Joseph Kosuth, Joan Jonas und Milan Knížák. Ihr künstlerisches Selbstverständnis rührt aber vor allem von den vielen Kooperationen und Kollektiven, in denen sie seit den 1990-er Jahren mitwirkte. Sie spielt Kontrabass in verschiedenen Konstellationen, ist Gründungsmitglied des Jon Shit Kollektivs, tritt auf als audiovisuelles Duo mit Hans Joachim Irmler und verantwortet mit das Klangbad Festival und das Programm des Faust Studio in Scheer. Weitere Kooperationen in Bild und Ton: die musiktheatralen Versuchsreihen von Schorsch Kamerun, Mother Mountain (mit Johanna Mangold und Lidija Paun), Guenter Schlienz, Carl Oesterhelt, Russudan Meipariani und Katharina Wibmer.
Monika Nuber, „Stranded in Stuttgart“, Video 2025
VERSTOFFWECHSELT, Organon, Akustische Installation mit zwei Erzählsträngen über Anpassung, Hilfsbereitschaft und Integration sowie über Vorurteile gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund und ihren Herkunftsländern.



7. VERSTOFFWECHSELT (Beutinger & Staiger)
Leben und arbeiten auf der Schwäbischen Alb und in Waldenbuch
http://www.staiger-beutinger.de
#art #installation #object #ecology #re-upcycling #system art
ORGANON, 2021/2026
Eine Licht-Ton-Installation mit Beteiligungsangebot
Besucherinnen bekommen über einen Kopfhörer (alternativ über Lautsprecher im Raum) Geschichten von Mitbürgerinnen erzählt. Diese sind selbst oder deren Eltern aus unterschiedlichen Teilen der Welt nach Deutschland gekommen. Die Geschichten handeln von Hilfe und Integration. Dem gegenüber stehen immer weiter um sich greifende Vorurteile und Verschwörungstheorien gegenüber anderen Ländern und deren Bürgerinnen, die angeblich eine Gefahr für Deutschland darstellen.
Während des Hörens richten die Besucherinnen ihren Blick auf eine Lichtleiste, auf der sich Lichtpunkte von links nach rechts und umgekehrt bewegen. Die Arbeit bezieht sich auf die in Deutschland von Dr. Arne Hofmann durchgeführte EMDR-Therapiemethode. Durch schnelle Augenbewegungen sollen Ängste und Traumata verarbeitet werden. Die Licht-Ton-Installation versucht, negatives Denken durch positive Bestärkung zu verarbeiten, um eventuell vorhandene Ressentiments abzubauen.
„Verstoffwechselt“ will sich diesem Thema durch die künstlerische Methode des Fragestellens annähern, ohne es im medizinischen Sinne zu behandeln. Die Arbeit beinhaltet ironische Aspekte und soll ein rassistisches Meinungsbild ad absurdum führen.
Fotos © Susanne Jakob, © Jan Hendrik Pelz © verstoffwechselt



8. CLAUDE HORSTMANN
Lebt und arbeitet in Stuttgart und in Marseille/F.
https://www.claudehorstmann.de/
#art #photography #concept #context #urban research #semiotic
Unter dem Titel „to read the terrain” präsentiert Claude Horstmann eine Zusammenstellung aus Fotografien und Zeichnungen, in denen spezifische urbane Territorien mit ihren Zeichen, Markierungen und Spuren und die mineralische Stofflichkeit und Textur von Architektur und urbanen Oberflächen erkundet werden. Diese Herangehensweise wurde insbesondere durch Beobachtungen in der südfranzösischen Hafenstadt Marseille geprägt: Plastische Äußerungen und materielle Phänomene kommen dabei ebenso ins Spiel wie direkte sprachliche Einschreibungen anonymer Autor:innen. Die Markierungen im öffentlichen Raum werden von der Künstlerin wie ein Text „gelesen” und bildlich übersetzt. Die Betrachtung einer urbanen Situation und ihrer Einschreibungen als öffentlichen Text erlaubt Rückschlüsse auf Habitus und Gruppenzugehörigkeit sowie auf die ethnische Vielfalt der anonymen Nutzer:innen des Stadtraums.
Claude Horstmann, to read the terrain“.(2021), Semiotische Untersuchungen im mediteranen Stadtraum von Marseille/FR.




9. EVA MARIA REINER
Lebt und arbeitet in Stuttgart
www.evamariareiner.de/
#art #drawing #body #research #concept #linguistic
DIFFERENT MOMENTS. 2025/2026
Inkjet- und Laserdruck auf Papier, Glas, Leichtschaumpappe, Tischgestell 85 x 180 cm Höhe: 100 cm
UND – SETTING 9888, 2025
mehrteilig, Digitaldruck (Vorlage: Inkjetausdruck), Nadeln, Klebestreifen, im Objektkasten: 100 x 119 x 12,5 cm
UND – SETTING 9995, 2025
mehrteilig, Digitaldruck (Vorlage: Inkjetausdruck), Nadeln, Klebestreifen im Objektkasten: 87,5 x 116,5 x 13 cm
UND – SETTINGS, DISPLAY BOOK ab 2019
Inkjet- und Laserausdrucke in Präsentationsmappe (aufgeklappt): 43,5 x 64,5 x 3 cm
auf Konsole, Grundfläche: 52 x 70 cm, Höhe: 13 cm
Eva-Maria Reiners bevorzugte Materialien sind verschiedene Papiere und Stoffe, die gefaltet, gestülpt und bezeichnet werden. In der Installation „Different Moments“ (2025/2026) wird weißes Papier zum Trägermaterial sprachlicher Zeichen, zwischen denen immer wieder die Konjunktion „und“ auftaucht. Diese steht für die unhierarchische Fortschreibung eines Textes oder für gleichartige Aufzählungen. Durch die Anwendung experimenteller Techniken, wie beispielsweise dem Cut-out-Verfahren, bei dem Textelemente ausgeschnitten und neu zusammengefügt werden, entstehen Brüche und Diskontinuitäten in der Erzählstruktur. Durch das Schichten von Rahmen und Glasscheiben zu einem dreidimensionalen Konstrukt, in das die Texte eingelassen werden oder aus dem sie herauswuchern, wird dieser Eindruck noch verstärkt. Die so entstehenden Brüche und Überlagerungen besitzen einen appellativen Charakter, – die Leerstellen mit eigenen Texten zu ergänzen.
INDEX
Eva-Maria Reiner: Hinweise zu den von mir mitgedachten Bedeutungen der in den Werken verwendeten Worte und Zeichen:
und
• Das Wort „und“ ist ein Verbindungs- und Koppelungsglied. Als Satzanfang knüpft „und“ an eine zuvor genannte Situation an und leitet etwas Neues ein (bspw. in der Schöpfungsgeschichte, in Gedichten, Liedern).
„Und“ suggeriert eine Verstärkung, Steigerung, Intensivierung. Zugleich verdeckt das Wort „und“ Fakten und Inhalte und steht für das Unaussprechliche.
•
Punktfolgen
• Auslassungspunkte deuten eine Fortsetzung im Sinne von „und, und, und“ an, repräsentieren Pausen oder unterbrochene Rede. Sie werden verwendet um zum Nachdenken anzuregen, um Offenlassung oder Sprachlosigkeit zu suggerieren.
•
Zahlenreihen
z.B.: 3_2_1_0: der Countdown, mit dem der Start eines Ereignisses oder das Ende eines Prozesses ankündigt wird.
poetisch, politisch, privat, öffentlich, ästhetisch, ethisch, individuell, kollektiv
Die Begriffe spielen auf Denk- und Beurteilungskategorien, auf Arbeitsweisen an, die oft künstlerischer Produktion zugeordnet werden.
Die künstlerische Produktion, aber auch die Ausstellungspraxis, läuft Gefahr in ihrer Souveränität und Vielfalt eingeschränkt zu werden. Dies ist der Fall, wenn Themenfelder vorgeschrieben, wenn einer der obengenannten Begriffe (z.B. „künstlerische Beiträge sind auf politische Themen auszurichten“) favorisiert, andere dagegen marginalisiert, wenn Arbeitsweisen (z.B. „im Kollektiv arbeiten“) vorgegeben werden.
Fotos 1- Aufbausituation, Kunstbezirk Stuttgart, Februar 2026, Foto: © SuJa © Tobias Ruppert © E.M. Reiner



Die Ausstellung findet auf Einladung des Kunstbezirks (Tobias Ruppert) im Rahmen der ORTSTERMINE zum 30-jährigen Bestehen des Kunstverein Neuhausen 2025 statt.
In Zusammenarbeit und mit freundlicher Unterstützung des KUNSTBEZIRKS und des Kulturamts Stuttgart.

Leonhardsplatz 28, 70182 Stuttgart-Mitte, Telefon 0711 518 786 92
https://www.kunstbezirk-stuttgart.de/ Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag 15 – 19 Uhr.
An Feiertagen geschlossen.