„NARRATIVE MOMENTS“ – AUSSTELLUNG

Fotos: Finissage am 14. März 2026 mit Künstlergesprächen © Jan Hendrik Pelz

Zehn Künstlerinnen und Künstler des KV Neuhausen lassen die nahezu in Vergessenheit geratene Technik des „Storytellings“ wieder aufleben oder setzen sich mit den flüchtigen Narrativen auseinander, die insbesondere in den sozialen Medien zirkulieren. Einige von ihnen visualisieren linguistische und poetologische Phänomene, experimentieren mit Sprache und Zeichen und kondensieren urbane Notationen und Spuren zu komplexen Text-Bildern.

Die Vielfalt, Dichte und Geschwindigkeit, mit der digitale Informationen zirkulieren, «überdauern häufig den Augenblick ihrer Kenntnisnahme nicht», wie der Philosoph und Medientheoretiker Byung-Chul Han in seinem Essay „Krise der Narration” bereits bemerkte. Demgegenüber steht das künstlerische Erzählen, Kolportieren und Erinnern mit seiner anderen Zeitlichkeit, seinen tiefgehenden Recherchen und seiner kritischen Reflexion.

„NARRATIVE MOMENTS» vereint biografische, historische, gesellschaftspolitische und urbane sowie lineare und nicht-lineare Erzählungen. Die Ausstellung zeigt, wie diese Narrationen in die künstlerische Praxis einfließen oder durch verschiedene Repräsentationsformen neu verhandelt werden.  

In dem Werkkomplex «Spitzenwaren» konstruiert der in Berlin lebende Künstler und Architekt Herbert Stattler in 38 Zeichnungen (von denen eine Auswahl gezeigt wird) eine Geschichte, die weitere Narrationen einschließt. «Spitzenwaren» dokumentiert und erzählt die Firmengeschichte eines Stuttgarter Unternehmens, das im zwanzigsten Jahrhundert Spitzen herstellte und vertrieb. Auf dessen analogem Archiv basieren Stattlers Zeichnungen, die ein Kaleidoskop von Zeitsplittern bieten, das Textil-, Technik-, Kultur- und Konsumgeschichte zugleich sichtbar macht. Da in Stattlers Zeichnungszyklus auch die Geschichte der Handarbeit verhandelt wird, werden nicht nur deren Techniken, sondern auch die Produktions-bedingungen weiblicher Heimarbeit im 20. Jahrhundert thematisiert.

Politische Narrative, historische und biografische Erzählungen sowie «individuelle Mythologien» werden in den Arbeiten von Min Bark, Susanne Hofmann, Monika Nuber, Silke Panknin, Eva Schmeckenbecher und „verstoffwechselt“ beleuchtet. In diesen werden eigene oder fremde Biografien und medial geprägte Erfahrungswelten mit kulturellen, sozialen und politischen Narrativen verwoben. 

„An neun Beispielen aus den Bereichen Kultur, Klima, Migration, Geschlechterrollen, Geschichte und Verteidigung wird eine Reihe Trigger-Begriffe vorgeführt: Lakonische Aussagen und sprachliche Entgleisungen wie „Klima-Blabla“ oder „Genderwahnsinn“ werden an die jeweiligen Autor*innen zurück adressiert. Fotos und Texte laden sich gegenseitig auf. Die ausgewählten Chiffren stehen exemplarisch für den Raum der politischen Verwahrlosung, der Verzerrung von Fakten, dem Einzug des Irrationalen und der Lügen in den politischen Landschaften und damit einhergehend der zunehmenden Untergrabung der Demokratie.“ (S.H.)

Abbildungen: Susanne Hofmann, Ungeheuer normal (Detail), 2025/2026 / Silke Panknin, Rechercheprojekt „Kulturfrauen -ongoing («Borders», Silver-Gelatine Prints s/w) Fotos © Tobias Ruppert © Susanne Jakob

Einige der ausgestellten Arbeiten folgen biografischen Spuren, arbeiten mit Erinnerungskulturen und untersuchen auch urbane Räume, gesellschaftliche Strukturen sowie (gender-)spezifische Gemeinschaften – sowohl freiwillig gewählte als auch erzwungene.

3. SILKE PANKNIN
Lebt und arbeitet in Horb/Schwarzwald und in Berlin
https://www.silkepanknin.com/
#art #research #spaces #nature #climate #sociology

Kulturfrauen | Serie, 2025; 70 x 90 cm, Halberahmen, Alu 8 matt weiß, 3 + 2 AP

Der künstlerische Schwerpunkt von Silke Panknin liegt auf der Beschäftigung mit spezifischen Orten, insbesondere mit Naturräumen, deren Prägung durch kulturelle, historische oder geologische Prozesse sie zu erfassen versucht. Dabei ist ihr künstlerisches Medium die analoge Fotografie, oft in Verbindung mit temporären „bildhauerischen” Eingriffen. Ein Beispiel hierfür ist das Rechercheprojekt „Kulturfrauen”, die auch als „Trümmerfrauen des Waldes” bezeichnet wurden.

Fotos: © Silke Panknin, © Susanne Jakob


Min Bark, Delivery, 2025 © J.H. Pelz / Eva Schmeckenbecher, Galgenhof Nürnberg, 2025


Fotos © Susanne Jakob, © Jan Hendrik Pelz © verstoffwechselt


Claude Horstmann, to read the terrain“.(2021), Semiotische Untersuchungen im mediteranen Stadtraum von Marseille/FR.

Eva-Maria Reiners bevorzugte Materialien sind verschiedene Papiere und Stoffe, die gefaltet, gestülpt und bezeichnet werden. In der Installation „Different Moments“ (2025/2026) wird weißes Papier zum Trägermaterial sprachlicher Zeichen, zwischen denen immer wieder die Konjunktion „und“ auftaucht. Diese steht für die unhierarchische Fortschreibung eines Textes oder für gleichartige Aufzählungen. Durch die Anwendung experimenteller Techniken, wie beispielsweise dem Cut-out-Verfahren, bei dem Textelemente ausgeschnitten und neu zusammengefügt werden, entstehen Brüche und Diskontinuitäten in der Erzählstruktur. Durch das Schichten von Rahmen und Glasscheiben zu einem dreidimensionalen Konstrukt, in das die Texte eingelassen werden oder aus dem sie herauswuchern, wird dieser Eindruck noch verstärkt. Die so entstehenden Brüche und Überlagerungen besitzen einen appellativen Charakter, – die Leerstellen mit eigenen Texten zu ergänzen.

Fotos 1- Aufbausituation, Kunstbezirk Stuttgart, Februar 2026, Foto: © SuJa © Tobias Ruppert © E.M. Reiner

Die Ausstellung findet auf Einladung des Kunstbezirks (Tobias Ruppert) im Rahmen der ORTSTERMINE zum 30-jährigen Bestehen des Kunstverein Neuhausen 2025 statt.

In Zusammenarbeit und mit freundlicher Unterstützung des KUNSTBEZIRKS und des Kulturamts Stuttgart.

Leonhardsplatz 28, 70182 Stuttgart-Mitte, Telefon 0711 518 786 92
https://www.kunstbezirk-stuttgart.de/ Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag 15 – 19 Uhr.
An Feiertagen geschlossen.


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